Mach Deine Stärken stark und erkenne Deine Schwächen
© Miguel
Romero
Wir konzentrieren uns oft auf die negativen Punkte und halten uns an diesen auf. Wir machen uns selbst klein, statt uns an den Dingen zu erfreuen, die wir gut können und diese zu fördern. Dieses Denkmuster hat uns die komplette Schulzeit über geprägt. Deshalb ist es wichtig, sich auf die Stärken zu konzentrieren. Am Ende dieses Beitrags findest du eine konkrete Checkliste, wie du vorgehen kannst.
Kennst Du Deine Stärken?
Stärken und Schwächen. Zwei Wörter, die jede und jeder kennt. Und trotzdem sorgen sie in der Ausbildung immer wieder für Unsicherheit. Spätestens dann, wenn Du im ersten Feedbackgespräch sitzt, in der Berufsschule eine schlechte Note bekommst oder merkst, dass andere scheinbar alles besser können als Du selbst.
Viele Azubis haben gelernt, sich zuerst mit ihren Schwächen zu beschäftigen:
Was läuft nicht?
Wo bin ich nicht gut genug?
Was muss ich dringend verbessern?
Genau hier liegt ein Denkfehler, der sich durch Schule, Ausbildung und oft sogar durchs ganze Berufsleben zieht.
Warum sprechen wir ständig über Schwächen?
Wenn Du an Deine Schulzeit zurückdenkst, dann fällt Dir wahrscheinlich schnell folgendes ein. Die Fächer, in denen Du schlecht warst, standen immer im Fokus. Schlechte Noten führten zu Gesprächen, Nachhilfe oder Druck. Gute Noten wurden oft kurz gelobt und dann abgehakt. Es wird einem allerdings nie beigebracht, dass man die Stärken in den Fokus rücken sollte und wie man das Ganze auf das Berufsleben überträgt.
Dieses Muster setzt sich in der Ausbildung fort. In Feedbackgesprächen geht es schnell um das, was noch nicht passt. Zu langsam, zu unsicher, zu ruhig, zu chaotisch, zu wenig Eigeninitiative. Betriebe wollen, dass Azubis funktionieren.
Das Problem ist nur, wenn Du Dich dauerhaft über Deine Defizite definierst, verlierst Du den Blick für das, was Du bereits kannst. Und genau das kostet Motivation, Selbstvertrauen und am Ende oft auch Leistung.
Schwächen sind nicht gleich Schwächen
Ein wichtiger Punkt vorab. Nicht jede Schwäche ist ein echtes Problem. Viele vermeintliche Schwächen sind schlicht Eigenschaften, die in einem bestimmten Umfeld gerade nicht ideal passen.
Du bist ruhig, beobachtest viel, sprichst nicht sofort. In einem Betrieb oder unter Kollegen, wo laute Durchsetzung gern gesehen ist, gilt das schnell als Schwäche. In einem anderen Umfeld wäre genau das eine Stärke, weil Du genau hinhörst, analysierst und überlegt handelst.
Oder Du bist sehr gewissenhaft und brauchst Zeit, um Aufgaben sauber zu erledigen. Manche nennen das langsam. Andere nennen es zuverlässig.S. 22
Bevor Du also versuchst, Dich krampfhaft zu verändern, stell Dir die Frage, ob das wirklich eine Schwäche ist oder passt sie nur gerade nicht ins System und zu dem Umfeld in dem du dich befindest.
Was passiert, wenn Du nur an Schwächen arbeitest?
Viele Azubis versuchen, alles gleichzeitig zu verbessern. Sie wollen strukturierter sein, selbstbewusster auftreten, schneller arbeiten, besser lernen, souveräner kommunizieren. Aber am Ende sind wir alle nur Menschen und können nicht alles immer zu 120 % optimieren. Das Ganze kann dann schnell frustrierend werden, wenn Du keine schnellen Ergebnisse siehst. Wenn Du permanent versuchst, Deine größten Baustellen zu reparieren, arbeitest Du ständig gegen Dich selbst. Fortschritte fühlen sich klein an, anstrengend und nie ausreichend.
Psychologisch passiert noch etwas anderes. Dein Selbstbild verschiebt sich. Du siehst Dich irgendwann nur noch als jemand, der Defizite hat. Das wirkt sich auf Gespräche, Prüfungen und sogar auf Bewerbungen aus.
Stärken stärken heißt nicht, Schwächen ignorieren
Ein häufiger Einwand lautet, dass man doch an seinen Schwächen arbeiten muss. Ja, dass stimmt auch teilweise. Es geht nicht darum, grundlegende Anforderungen zu ignorieren. Wenn Du ständig zu spät kommst oder Aufgaben nicht erledigst, ist das kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern ein Thema, das Du angehen musst. Der Unterschied liegt dabei allerdings im Fokus. Denn Schwächen solltest Du soweit ausarbeiten, dass Deine Arbeit nicht beeinträchtigt wird, wie mit der Pünktlichkeit. Stärken dagegen sind für Deine Entwicklung, Selbstvertrauen und Leistung da.
Wenn du z. B. Präsentationen hasst und nervös bist, sagt niemand, dass Du jetzt perfekt darin werden musst und es lieben musst, vor Menschen zu sprechen. Es reicht, sie so gut zu halten, dass Du durchkommst. Wenn Du dagegen im praktischen Arbeiten aufblühst, Verantwortung übernimmst und sauber arbeitest, dann solltest Du genau dort Deine Zeit und Mühe investieren. Und genau das solltest Du auch Deinem Ausbilder vermitteln, damit er Dich in Deinen Stärken stärken kann.
Wie erkennst Du Deine Stärken?
Jetzt kommt vielleicht bei Dir die Frage auf, wie Du denn Deine Stärken erkennst. Das hat sehr viel mit Selbstreflexion zu tun und dass man sich mit sich selbst beschäftigt. Du kannst Dir dabei folgende Fragen stellen:
Was fällt mir leichter als anderen?
Was macht mir besonders viel Spaß?
Worin habe ich mich schnell entwickelt und verbessert?
Achte auf Situationen, in denen Du wenig Energie brauchst, aber gute Ergebnisse erzielst. Das sind oft Hinweise auf Stärken.
Ein weiterer Punkt ist, dass Du auf Feedback hören solltest. Nicht nur auf Kritik, sondern auch auf beiläufige Aussagen. Wenn Kollegen sagen, auf Dich kann man sich verlassen oder Du erklärst das immer gut, dann ist das ein wichtiger Punkt für Deine Selbstreflexion.
Stärken sichtbar machen in der Ausbildung
Eine Stärke bringt Dir wenig, wenn sie unsichtbar bleibt. Viele Azubis leisten viel, sprechen aber nicht darüber. Aus Angst, arrogant zu wirken oder anzuecken. Dabei kennst du vielleicht das Sprichwort: „Tue Gutes und rede darüber“. Das gilt am Ende auch für Dich in der Ausbildung. Nur, wenn man weiß, was Dir Spaß macht, worin Du Dich selbst weiter entwickeln willst, nur dann kann man Dich auch gezielt fördern und fordern.
Wenn Du merkst, dass Du in einem Bereich gut bist, dann nutze ihn bewusst. Biete Hilfe an. Übernimm Aufgaben, die dazu passen. Bring Dich ein, ohne Dich zu verbiegen.
Wenn Du z. B. gut organisieren kannst, dann hilf bei Abläufen. Wenn Du kommunikativ bist, dann übernimm Schnittstellen. Wenn Du technisch fit bist, dann zeig es.
Was das für Ausbilder bedeutet
Auch für Ausbilder lohnt sich ein Perspektivwechsel. Wer Azubis nur über Defizite steuert, bekommt oft genau das zurück: Unsicherheit, Rückzug oder im schlimmsten Fall sogar die (innere) Kündigung.
Stärkenorientierte Ausbildung bedeutet nicht, alles durchgehen zu lassen. Sie bedeutet, Potenziale gezielt zu nutzen. Azubis, die ihre Stärken einsetzen dürfen, sind motivierter, lernen schneller und übernehmen eher Verantwortung.
Ein ehrliches Gespräch über Stärken kann viel verändern und ist Entwicklung für beide Seiten. S. 23
Der Umgang mit echten Schwächen
Natürlich gibt es Schwächen, die relevant sind. Konzentrationsprobleme, Lernschwierigkeiten, Unsicherheit im Auftreten, Prüfungsangst. Diese Themen verschwinden nicht, wenn man sie ignoriert.
Der Unterschied liegt darin, wie Du damit umgehst. Statt Dich darüber zu definieren, solltest Du Strategien entwickeln. Strukturhilfen, Lerntechniken, Feedbackgespräche, Unterstützung holen.
Die Ausbildung ist nur der Anfang. Die Art, wie Du jetzt über Dich denkst, prägt Dein gesamtes Berufsleben. Wer früh lernt, sich über Stärken zu definieren, trifft andere Entscheidungen.
Solche Menschen bewerben sich selbstbewusster, verhandeln klarer, wechseln eher den Job, wenn er nicht passt, und bleiben nicht jahrelang in Rollen, die sie klein halten. Stärkenorientierung ist eine realistische Vorbereitung auf Dein Berufsleben, indem du Dich behaupten musst.
Ein realistischer Blick in die Zukunft
Nicht jede Stärke wird immer gefragt sein. Nicht jeder Betrieb passt zu Dir. Und ja, manchmal musst Du Dinge tun, die Dir nicht liegen. Aber Du hast mehr Einfluss, als Du vielleicht denkst. Wenn Du weißt, worin Du gut bist, kannst Du den Ablauf mitsteuern, Gespräche führen, Entscheidungen treffen, Grenzen setzen.
Stärke Deine Stärken nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Verantwortung für Dich selbst.
Wenn Du jetzt Deine Stärken herausfinden möchtest, dann nutze gerne diese Checkliste um für dich den richtigen Weg und Umgang mit deinen Stärken zu finden:
Schritt 1: Beobachte dich selbst im Alltag
Nimm Dir eine Woche Zeit und achte bewusst auf Deinen Ausbildungsalltag.
Welche Aufgaben fallen Dir leichter als anderen?
Wobei brauchst Du weniger Erklärung?
Wann bekommst Du positives Feedback oder merkst selbst, dass es rund läuft?
Schreib Dir diese Situationen auf, ganz konkret und ohne sie kleinzureden.
Schritt 2: Hol Dir ehrliches Feedback von außen
Sprich mit mindestens zwei Personen, denen Du vertraust. Das kann ein Azubi-Kollege, ein Ausbilder, eine Lehrkraft oder jemand aus deinem privaten Umfeld sein. Frag gezielt:
Worin siehst Du meine Stärken?
Wann erlebst Du mich besonders souverän?
Hör zu und diskutiere nicht dagegen an. Oft sehen andere Dinge, die wir selbst für selbstverständlich halten.
Schritt 3: Trenne echte Schwächen von Entwicklungsthemen
Frag Dich bei jeder Schwäche ehrlich, ob sie Deine Ausbildung wirklich blockiert oder stresst sie Dich nur, weil Du Dich damit vergleichst. Dinge wie Unpünktlichkeit oder fehlende Organisation solltest Du aktiv angehen. Dinge wie Schüchternheit, Ruhe oder Vorsicht sind keine Fehler, sondern Eigenschaften, die je nach Umfeld unterschiedlich wirken.
Schritt 4: Setze Deine Stärken bewusst ein
Überlege Dir, wie Du Deine Stärken im Betrieb sichtbarer machen kannst. Übernimm Aufgaben, die dazu passen. Biete Hilfe an, wo Du sicher bist. Sag auch klar, worin Du Dich weiterentwickeln möchtest. Nur wenn Dein Umfeld weiß, wo Du stark bist, kann es Dich gezielt fördern.
Schritt 5: Führe ein Gespräch über deine Entwicklung
Such aktiv das Gespräch mit Deinem Ausbilder oder Deiner Ausbilderin. Nicht als Rechtfertigung, sondern als Entwicklungsgespräch. Sprich darüber, was Dir liegt, wo Du Dich einbringen willst und wo Du Unterstützung brauchst. Das zeigt Reflexion, Eigenverantwortung und Reife und genau das wird in der Ausbildung langfristig gebraucht.
Wenn du diese Schritte für Dich durchgehst, ohne Stress und Druck und ohne dich ständig mit anderen zu vergleichen, stehen Deinen Stärken in Zukunft nichts mehr im Weg.
Disclaimer: Ich bin keine Psychologin oder Ärztin und dieser Beitrag ersetzt keine psychologische oder therapeutische Beratung. Die Inhalte dienen der Orientierung und basieren auf Erfahrungen aus der Arbeit mit Auszubildenden.
Fundstelle(n):
BÜRO 2/2026 Seite 21
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